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ZWANZIG. Die Rettung

2005.

Helene erwachte von dem stotternden Husten des Toyotas. Wo wollte Arno mitten in der Nacht hin? Sie schob das schwere Plumeau beiseite, knipste die Heizdecke aus. Sie hatte Bauchschmerzen. Trotzdem. Hier stimmte was nicht. Vom Fenster aus sah Helene, wie die Rücklichter im Nieselregen verschwammen, langsamer wurden, stehen blieben. Der Kindergarten?

Helene lief zur Haustür. Ihr Blick blieb an der Garderobe hängen. Wo war Thorstens Regenjacke? Sie öffnete die Kommode. Sein Basecap. Die Knieschoner, der Fahrradhelm. Seit Jahren unberührt, aber festes Inventar des Flurs. Helene schleppte sich ins Kinderzimmer. Nackte Regale. Schreibtisch, Schrank, Fensterbrett. Als wäre er nie hier gewesen, hätte nie hier gelebt, als wäre das alles nicht seins gewesen. Im Bad, das Haargel, das beißende Sport-Deo, das sie immer gehasst hatte, Kontaktlinsenbehälter. Alles weg.

Helene zog sich ihren Mantel an, langsam, alles schmerzte. Dann noch einen Regenmantel. Sie fror erbärmlich, vermisste ihre Haare. Ärgerlich zog sie die Pudelmütze auf und wickelte die Sofadecke um sich. Mit kleinen Schritten lief sie los. Jetzt bloß nicht brechen! Sie pausierte, stützte sich ab, spürte den Schmerz durch ihren Körper wüten. Verdammte Chemotherapie. Verdammte wirkungslose Schmerzmittel.

Der Toyota kam ihr entgegen. Hatte er sie wirklich nicht gesehen? Sie schlurfte weiter. „Achtung, enthält Asbest“. Würde er…? Helene hob die Plane. Erinnerungen unter dünnem Plastik. Gesammelte Schätze, liebevoll von Helene aufbewahrt. Es war doch alles, was ihr blieb. Thorstens erstes Faschingskostüm. Er war so ein niedlicher kleiner Indianer gewesen. Die malvefarbene Umstandshose hatte ihr nur ganz kurz gepasst. Stapel von Fotos, die sie seit Jahren hatte einkleben wollen. Thorstens Deo. Sie sprühte ein wenig davon in die nasse, gelbliche Winterluft und schnupperte. Es stank immer noch.

Sie kühlte aus. Zitternd zerrte sie den ersten Sack aus seinem Metallgrab, nahm ihn wie ein müdes Kleinkind auf den Arm und ging nachhause.

Um vier Uhr morgens hatte sie alle Schätze in Sicherheit gebracht.


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NEUNZEHN. Murats Mutter

Herr Tiedemanns wichtigster und einziger Schauspieler war abgesprungen. Murat, der begnadete Sänger, sein ausdrucksstarker Josef, der Alphahirte. Arno Tiedemann war nicht bereit, diesen Rückschlag kampflos hinzunehmen. Er würde mit der Mutter sprechen. So gerne er diese Mission sorgfältig vorbereitet hätte – ihm blieb keine Zeit. Leise schob er Helenes Fahrrad aus dem Gartentor und radelte Richtung Aldi. Bewaffnet mit einer Großfamilienpackung Nürnberger Lebkuchen positionierte sich Tiedemann vor der genannten Adresse.

„Dr. Frokaj“ stand an der Klingel. Es war der einzige ausländisch klingende Name, das musste es also sein. Eine Frau in grünem Wollpullover und löchriger Jeans machte auf. „Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Die Toilette ist gleich hier vorne.“ Entschlossen wies ihn die Frau in ein gefliestes Kabuff. Arno konnte einen raschen Blick in das Wohnzimmer werfen, Flohmarkt-Möbel, Holzboden, Ausstellungsplakate an den Wänden. Auf dem Tisch standen zwei Bildschirme und ein Laptop neben einer Bananenschale. Sie schaute ihn argwöhnisch an. „Wo sind ihre Werkzeuge?“ „Liebe Frau Frokaj, da liegt jetzt ein Missverständnis vor.“ „Sieht ganz so aus.“ Kühler Blick von oben. Die Frau in Birkenstocks war mindestens 1,80m groß. „Ich höre.“

“Mein Name ist Arno Tiedemann. Ich leite das diesjährige Krippenspiel, in dem Murat…“. „Mein Sohn nimmt nicht teil. Aus den gleichen Gründen wir im letzten Jahr, das habe ich Ihrer Vorgesetzten schon auseinandergesetzt.“ „Liebe Frau Frokaj, ich kann verstehen, dass Sie als Türkin Vorbehalte gegenüber der Kirche haben, das habe ich ja auch, aber sehen Sie…“. Die Frau lachte auf. „Türkin? Ersparen Sie mir bitte Ihre rassistischen Vorurteile. Mein Noch-Mann ist Albaner, falls Sie wissen, was das ist.“ Arno wusste, was ein Noch-Mann war, schwieg aber. Sie erhob den Zeigefinger. „Es geht mir hier ausdrücklich nicht um die Kirche als Institution! Schließlich geht Murat ja auch zum Konfirmandenunterricht – auf eigenen Wunsch, möchte ich betonen. Was ich allerdings nicht tolerieren kann, ist, dass er sein Talent und seine Zeit an ein „Theaterstück“ verschleudert, das eine derartig plakative, diskriminierende und gender-insensitive Botschaft vermittelt. Hier erfolgt ja wirklich so gar keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem religiösen Motiv!!“ „Sie haben das Stück gelesen?“, fragte Arno entsetzt. „Selbstverständlich.“

Sie redete noch sehr lange. „… und es gäbe so viele relevante Problemfelder, hinsichtlich derer Sie sich hier in einem kritischen Diskurs positionieren könnten. Klimawandel, Impfzwang, Missbrauch in autoritären Strukturen wie der katholischen Kirche, Globalisierung, koloniale Gewalt an den Herero oder die geringe Recyclingquote, um Ihnen nur ein paar Anregungen zu geben. Aber ich bekomme leider den Eindruck, dass es Ihnen vollkommen gleichgültig ist, welche Botschaft zu Weihnachten platziert wird!“ Arno gab sich geschlagen. „Schade.“ Er hielt immer noch die Packung mit Lebkuchen in der Hand. Frau Dr. Frokaj nahm sie ihm ab, schaute auf die Rückseite, gab es zurück. „Danke, wir leben vegan.“ Die Tür ging zu.


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ACHTZEHN. Letzte Probe

Herr Tiedemann betrat die Gruft zögernd. Fünf blasse Konfirmanden und drei Konfirmandinnen, die er noch nie gesehen hatte, saßen fröstelnd um eine Wärmequelle. „Wir lassen das!“ sagte Arno beim Hereinkommen. „Keiner von uns möchte dieses Krippenspiel aufführen.“ „Nein!“ Es war ein Aufschrei, mit dem Arno nicht gerechtet hatte. Der Energy-Drink stand auf, seine Akne schien zu glühen. „Die Schäufele hat gesagt, sie konfirmiert uns nicht, wenn wir nicht auftreten! Haben Sie eine Ahnung, was da für ein finanzieller Schaden entsteht!!?“

„Die Schwäbin will ihr Weihnachtsstück? Sie soll es kriegen.“

Arno nickte. Das war es also. Dann versuchte er, einen von Helenes bösen Blicken zu imitieren. „Soso. Charlotte, ja?“ Gesenkte Blicke. „Also das war wirklich… unglaublich, ich möchte sagen regelrecht…“ Arno suchte nach dem passenden Ausdruck. Sein Blick glitt über die Gruppe. Bartflaum, Zahnspange, Skatermütze, Brille und Energy-Drink – ein betretener, erpresster Haufen Elend. Seine Truppe. „…witzig.“ hörte Arno sich den Satz beenden. „Ich wünschte, ihr wärt beim Erstellen des Stücks genauso kreativ gewesen!“. Er lachte und freute sich über die erleichterten Gesichter. „Die Schwäbin will ihr Weihnachtsstück? Sie soll es kriegen.“

„Wir machen alles wieder gut!“, versprach der Skater. „Ich mache die Maria!“ „Und wir haben Requisiten!“ Voller Stolz präsentierten sie ihre Mitbringsel. Die Wärmquelle erwies sich als Trockenhaube aus dem örtlichen Friseursalon – für’s Baby. In Ermangelung einer Krippe hatte der Brillenträger den Auffangbehälter eines Rasenmähers mit Heu gefüllt und hergeschleppt. Und eine noch originalverpackte Baby Born würde die Ehre erfahren, Jesus zu spielen. „Ich brauche die aber vor der Bescherung wieder“ quiekte der Energy-Drink.

Sie probten. Das Stück war erbärmlich. Die Jungs lasen nach wie vor ihre Texte stammelnd vom Blatt ab. Die Mädchen schauten argwöhnisch auf Scheinwerfer und Souffleusen-Stand. „Sind wir auch wirklich nicht zu sehen?“ erkundigte sich eine. „Das ist nämlich echt peinlich!“ Es war egal. Sobald Murat seine Stimme erhob und sang, war der Abend gerettet. Murat, mit seiner Ernsthaftigkeit, seiner Wärme. Es würde gut werden.

Das Stück war erbärmlich.

„Danke“, rief Arno, „bleibt gesund, wir sehen uns an Heiligabend! Bitte seid pünktlich! Und lernt euren Text!“ Die Gruppe stürmte raus. Murat blieb sitzen. „Ähm, Herr Tiedemann?“ „Ja.“ Arno fühlte sich unwohl und hoffte, der Junge mit dem Bartflaum wollte kein vertrauliches Männergespräch mit ihm führen.

„Also… ich muss leider absagen.“

„Was denn?“ wunderte sich Arno. „Ich darf nicht beim Krippenspiel mitmachen. Meine Mutter ist dagegen. Tut mir leid.“ Und damit verließ er den düsteren Raum in der gleichen Geschwindigkeit wie seine Konfikollegen. „Das ist doch nicht zu…“, murmelte Tiedemann und ließ sich in den Verkleidungsberg fallen. Er hatte – nichts.

Sie hatte es gewusst. Und nichts gesagt.

Klackernde Stiefelettenschritte. Bitte nicht jetzt. Nicht die Schwäbin. „Herr Tiedemann! Wie ist die Lage?“. Immerhin siezte sie ihn wieder. Ihr schwarzer, zeltförmiger Pullover ließ sie noch mehr wie einen Vampir aussehen als sonst. Sie setzte sich schwungvoll neben ihn in den Kleiderhaufen. „Gut. Sehr gut. Nur… Murat ist gerade abgesprungen“.

Sie setzte ihr Empathie-Gesicht auf und nickte warmherzig. „Ahammm. Das ist ja schade, Mensch, ja sowas. Genau wie letztes Jahr… und das Jahr davor. Sehr bedauerlich. Und was macht das mit Ihnen?“

Herr Tiedemann blickte sie fassungslos an. Sie hatte es gewusst. Und nichts gesagt. Er wälzte sich aus dem muffigen Textilvulkan und verließ grußlos den Saal.