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EINS. Der Einbrecher.

Im Keller war ein Einbrecher. Er gab sich nicht einmal die Mühe, leise zu sein. Ein zorniges Rascheln und Scharren verriet ihr, dass er die Kisten in ihrem Arbeitszimmer durchwühlte. Helene Tiedemann saß in ihrem Bett und wusste, was zu tun war. Sie suchte ihr Handy. Geräuschlos schob sie einen Bücherstapel zur Seite. Schaute in den Stehordner mit den Zeitschriften. In einem Berg Bügelwäsche. Treffer.

„Die Notrufzentrale, was kann ich für Sie tun?“

„Kommen.“

„Könnten Sie etwas lauter sprechen?

„Sie können kommen!“ Helene flüsterte so laut, wie sie es wagte.

„Sind Sie verletzt?“

„In meinem Keller ist ein Einbrecher.“

„Ist er verletzt?“

„Noch nicht.“

„Warum rufen Sie an?“

„Wa…?! Damit Sie mir einen Einsatzwagen schicken!“ Helenes Wispern war zu einem heftigen Zischen geworden.

„Also. Da…“

„Ach, Sie dachten wahrscheinlich, ich rufe jetzt an, um Ihnen Ihre Arbeit zu erklären?!“ Helene vergaß zu flüstern. „Bitteschön: Jetzt ist der Moment, in dem Sie meine Adresse aufnehmen, Sernsteyger Straße 19, und dann versichern, dass Ihre Kollegen in wenigen Minuten bei mir sind. Und dann sagen Sie noch, dass ich ruhig bleiben und bloß nicht selbst die Heldin spielen soll!“

„Dies ist die 112. Bitte wenden Sie sich an die Polizei und machen Sie die Leitung frei.“ Klick.

Helenes Hände waren wie von Adrenalin getränkt, feucht und eiskalt. Das Handy entglitt ihr und landete scheppernd in einer Kiste mit Motivstanzern, die sie hier gestern Abend kurz abgestellt hatte. Das Rascheln pausierte. Sie war auf sich allein gestellt.

Helene Tiedemann tat, was jede Frau getan hätte. Sie stieg auf ihren Lesesessel und löste die massive Gardinenstange aus der Halterung, wobei die Samtvorhänge samt Ringen abrutschten und mit metallischem Klirren auf einem Teetablett landeten. Mit kräftigen Stößen atmete sie aus und ein – Helene war bereit für den Kampf.


Verflixter Router. Es war ein Fehler gewesen, ihn im Keller aufzuhängen. Wenn er den Rechner hochfuhr, wusste er nie, ob er einen, zwei oder drei Balken haben würde. Oder gar keinen. Arno schob eine weitere Kiste aus seinem Weg. „Trockenblumen“ stand darauf, aber durchgestrichen. Darunter „Häkelset Bonobo-Affe“; darunter, in Helenes ungleichmäßiger Schreibschrift: „Klopapier-Rollen (Adventskalender T. / Häschen-Mobile!)“. Misstrauisch hob Arno den Deckel und erblickte einen brackig riechenden Römertopf. Er stellte den Karton zu den anderen Hindernissen, die er neben der Tür aufgestapelt hatte. Eine Tüte mit Altkleidern weckte unangenehme Erinnerungen. Den Router konnte er noch nicht sehen. 25 Quadratmeter hatte dieser Raum. Jeder davon war vollgestellt; ein Labyrinth aus überquellenden Regalen mit Stolperfallen auf dem Boden. Wie konnte Helene hier arbeiten? Überhaupt, was arbeitete sie hier? Archivarin für Sperrmüll? Von oben hörte er ein Geräusch. War dies Helenes Aufstehzeit? Er wusste es nicht. Er hatte zu tun.


So leise es ging, trat sie auf die Treppe. Ein Überraschungsangriff. Nie wieder würde dieser Verbrecher das Heiligtum fremder Menschen plündern. Sie würde ihm den Schreck seines Lebens einjagen. Mit großen Schritten, immer eine Stufe auslassend, jagte Helene auf Zehenspitzen gen Keller; eine schattenhafte Samurai-Kriegerin im geblümten Schlafanzug.

Die Gardinenstange war nicht nur dreckig, sie erwies sich auch als überraschend lang. Zu lang für das schmale Treppenhaus, stellte Helene fest, als sie mit Schwung die Lampe an der gegenüberliegenden Wand zertrümmerte. Viel zu lang. Die geschnörkelte Rückseite der Stange kratzte an der Wand hinter ihr entlang und riss einen limonengrünen Streifen Raufasertapete ab. Putz bröckelte. Der Überraschungsangriff war vom Tisch. Es würde zum Zweikampf kommen. Weiter.

Offensichtlich war Helene mit viel Schwung unterwegs gewesen. Ihre Lanze saß bombenfest eingekeilt zwischen den Wänden des schmalen Treppenhauses. Helene riss und zerrte; sie hängte ihr gesamtes Gewicht daran und versuchte, die Waffe zu lösen. Nicht die Gardinenstange gab nach, sondern Helenes feuchte Finger. Mit einem Krächzen stürzte sie die restlichen Treppenstufen herunter, landete ohne Waffe und Ruhm zu den Füßen des Einbrechers.

Der Einbrecher trug Hausschuhe.

„Was machst du hier?“ ächzte Helene.

„Ich tausche den Router. Wir wollten das Problem mit dem Internet angehen. Bin aber noch nicht ganz… vorgedrungen.“

„Bist du krank?“ japste Helene. Pause. Genau das hatte Herr Tiedemann seine keuchende, mit Putzbröseln beschneite Frau auch fragen wollen.

„Wie meinst du…?“

„Warum bist du nicht auf der Arbeit?“

„Helene, das…“

„Und was machst du in meinem Arbeitszimmer? Mitten am Tag? Heimlich?? Hast du Urlaub? Es ist Dienstag! … Du hast… NIE im Dezember Urlaub; warum bist du nicht im Amt? Hast du überhaupt schon gefrühstückt?“ Sie brüllte und rang nach Luft.

„Heute ist der erste Dezember,“ sagte er leise und blickte sie erwartungsvoll an.

„Und?“

„Seit heute bin ich in Pension.“

„Oh.“


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Zeit für was Neues

Ich lache, während ich diese Überschrift schreibe. Neue Zeit ist in meinem Leben nicht aufgetaucht. Aus diesem Grund habe ich das Bloggen ziemlich bald wieder aufgegeben – nicht ohne Frust, allerdings. Aber das Planen, Telefonieren, Schreiben, Abstimmen und Einstellen hat mich einfach zu sehr unter Druck gesetzt.

Mir hat das Schreiben gefehlt. Und in meinem Kopf geistern immer wieder mal kleine Geschichten herum, die danach schreien, in die Tastatur gehämmert zu werden. Und das habe ich jetzt gemacht. Ab heute findet ihr hier jeden zweiten Tag ein Kapitel meiner kleinen Weihnachtsgeschichte. Der Schluss ist noch nicht geschrieben, ich bin selbst gespannt.

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Zwei Fragen und ein Missverständnis

Ein Untertitel über das, was Frauen wirklich wollen.

Ich habe mich schwer damit getan, einen Namen für diesen Blog zu finden. „Spagathe“ stand schnell fest. Aber ein Untertitel sollte erklären, worum es hier geht. Nicht um Gymnastik. Nicht um Zirkus, nicht um Wellness. Sondern um die Frage, wie eine Frau mit Kindern und Beruf heute gut leben kann.

Vorerst lautet mein Untertitel: „Die zwei Fragen einer Frau“. Er kommt (wie so vieles, das zwar praktisch, aber nicht wirklich gut ist) von Doktor Oetker.

Ein Pudding löst die die meisten Probleme einer Frau.

„Wir wissen ja: Eine Frau hat zwei Lebensfragen: ‚Was soll ich anziehen?‘ und ‚Was soll ich kochen?‘“. Dieser Satz stammt aus einem Werbefilm für… Pudding! Was 1954 durchaus öffentlich sagbar war, bringt heute nicht nur Kampfemanzen auf die Palme. Denn der Satz reduziert Frauen auf zwei Kompetenzfelder: hübsch sein und kochen.

Fairerweise hier der Kontext des anstoßerregenden Textes: Unter dem Titel „Wenn man’s eilig hat“ begleitet der Pudding-Werbespot die junge Sekretärin Renate. Ein männlicher Sprecher kommentiert in jenem sonoren und leicht süffisanten Tonfall, der in den 50’ern angesagt war, die Geschehnisse: Renate erhält noch kurz vor Dienstschluss einen Auftrag zum Abtippen und kommt dadurch um ein Haar zu spät nachhause. Dort muss sie blitzschnell kochen, weil ja gleich ihr Mann, der hungrige Peter, eintrudelt. Tja, denn wenn der hungrige Peter da ist, muss das Essen auf dem Tisch stehen. Darum hat die Renate ganz schön viel Stress. Aber mit einem Pudding macht sie nicht nur ihren Gatten (und Dr. Oetker) glücklich, sondern zeigt auch ihre Kompetenz als erfolgreiche, moderne Frau in der 50er-Jahre-Welt von vorgestern: Sie sieht toll aus und hat ein Essen für ihren Mann gezaubert – Bravo!

Ausschnitt aus Dr. Oetker-Werbeclip

Auch die Renates der Gegenwart führen ein anstrengendes Doppelleben

Werbespots wie diese kommen uns auf den ersten Blick uralt vor – als hätten sie nichts mehr mit unserer heutigen Realität zu tun. Ist das der Fall?

Wenn ich mich in meinen Lebensalltag umschaue, sehe ich immer noch ziemlich viele Renates.

Wenn ich mich in meinen Lebensalltag umschaue, sehe ich immer noch ziemlich viele Renates. Es sind die Teilzeit-Mütter, die gestresst zwischen Büro, Kita und Haus hin- und her hetzen. Sie erledigen nach wie vor den Großteil der Hausarbeit und suchen nach Lösungen, um diesen Spagat irgendwie erträglicher zu gestalten. In den 50’ern waren Tütenpudding und Waschmaschine der heiße Scheiß für die berufstätige Gattin. Heute sind es vermutlich eher HelloFresh, die Randzeitenbetreuung oder der Staubsaugerroboter. So unangenehm es uns scheinen mag: So richtig viel weiter sind wir in Sachen Vereinbarkeit seit Frau Renates Tütenpudding-Spot nicht gekommen.

Zurück zu Doktor Oetker. Der Spot richtet sich an Frauen, ist aber eindeutig von Männern geschrieben. Und die hatten das Dilemma der modernen Frau nicht verstanden. Denn Renates Frage dürfte doch viel eher gelautet haben: Wie soll ich das alles schaffen? Woher die Zeit nehmen, damit es meiner Familie und mir gut geht?

Und wisst ihr was? Genau das frage ich mich auch.

Insofern hat der Spot durchaus Relevanz für unsere Zeit. Ich finde die Frage nach den Lebensfragen einer Frau hochinteressant. Nach wie vor habe ich das Gefühl, dass Jeder genau zu wissen glaubt, was Frauen in Wahrheit wollen: Politik, Wirtschaft, Lifestyle-Anbieter, Frauenmagazine, Sexshopbetreiber, Ehemänner,… Aber nur selten wird die Frage ehrlich gestellt.

Daher der Titel. Spagathe und die Fragen einer Frau. Ich glaube, ich ändere ihn noch.