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DREIZEHN. Das Duell

Im Saal waren zehn Tische aufgestellt, je mit zwei Stühlen auf gegenüberliegenden Seiten. Auf jedem Tisch stand ein sehr kleiner Weihnachtsstern mit Glitzer darauf. „Wo sind die Pistolen?“ murmelte Arno. „Pistolen?“ Helene schaute ihren Mann erstaunt an. „Na, mit denen wir uns duellieren können.“ Zu Arnos Überraschung begann Helene zu lachen.

Die Tür des Saals öffnete sich und die Pastorin kam zusammen mit einem eisigen Luftzug hereingeweht. „Ich begrüße euch, meine Lieben! Herzlich Willkommen zu eurem Einstieg in die Gewaltfreie Kommunikation! Des wird super!!” „Wo ist denn der Referent?“ flüsterte Arno. Helene stand auf. „Wo ist der Referent?“, fragte sie laut. Astrid zwinkerte. „Hier!“ Sie zeigte mit beiden Daumen auf sich. „Ich erläutere jetzt die vier Schritte, dann dürft ihr mit eurem Partner üben!“ Sie zog ein Flipchart heran und las vor: GIRAFFENSPRACHE.

  1. Beobachten, ohne zu werten
  2. Eigene Gefühle beschreiben (Was macht das mit dir?)
  3. Bedürfnis äußern („Ich brauche…“)
  4. Bitte formulieren (Echte Bitte: Dein Gegenüber kann Ja oder Nein sagen!)

„Arno, magst du mal an einem konkreten Beispiel aus eurem Alltag mit der Helene in Giraffensprache sprechen?“. Sie baute sich bedrohlich nah vor ihm auf. „Ich? Nein.“ „Super, dass du dich traust!“. Arno schwitzte. Er wollte keinen Fehler machen. „Ähm.“ – „Nee, fang‘ bitte mit ‚Liebe Helene‘ an. Nochmal von vorn.“

„Liebe Helene.“ – „Super!!“ Arno wollte nichts weniger, als eine konkrete Situation aus seinem Alltag öffentlich mit Helene besprechen. Egal in welcher Sprache. Fieberhaft suchte er nach einem unkritischen Thema. „Liebe Helene. Letzte Woche hast du eine Gardinenstange in unserem Flur… angebracht. Das macht mich… erstaunt. Ich brauche… diese Gardinenstange nicht. Bitte… vermeide solche Situationen künftig.“ Erleichtert lehnte sich Arno zurück. Einige Teilnehmer lachten, Hildegard Lükers machte sich Notizen. Helene war knallrot angelaufen.

Erleichtert lehnte sich Arno zurück. Einige Teilnehmer lachten, Hildegard Lükers machte sich Notizen. Helene war knallrot angelaufen.

Bevor Astrid antworten konnte, zischte sie Arno an. „Du brauchst diese Gardinenstange nicht?! Du brauchst so Einiges nicht, oder? Wenn es nach dir ginge, würde ich mitsamt des ganzen Hauses verschwinden, gib‘ es doch zu!“ Das hatte Arno nicht kommen sehen. Er holte Luft, aber Helene war schneller. „Aber zum Glück bist du ja ein Experte, wenn es darum geht, ungeliebte Familienmitglieder loszuwerden!“ „Helene, das ist unfair.“ „Unfair!?“ brüllte Helene. „Unfair ist es, seinen eigenen Sohn aus dem Haus zu werfen, nur weil er einen kleinen Fehler gemacht hat!“

Astrid mischte sich ein. „Helene, also das würden wir jetzt Wolfssprache nennen, vielleicht magst du…”

“DU hältst jetzt mal dein blödes Giraffenmaul, Astrid!…” Zu Arno gewandt fauchte Helene: „Loswerden wolltest du ihn, weil er nicht in dein kontrolliertes Leben passte! Ich war halbtot und du hast mir mein Kind weggenommen!“ „Ich…“. „Das verzeihe ich dir nie.“ Sie war wieder zum Zischen übergegangen. Der Raum war in gläserne Stille getaucht. „Ich weiß“, sagte Arno leise.


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ZWÖLF. Helene

Ich habe mich in Helene beim Würzen verliebt. Wir waren bei Robert und Agnes zum Essen eingeladen. Ich, Erstsemester an der Verwaltungsfachhochschule, stand mit einem billigen Rioja und einer Packung Erdnuss-Flips in der Tür, Helene war schon da. Rotes Gesicht, rote Haare, Rollkragenpullover.

Plötzlich stürmte Agnes aus dem Haus. Sie sollte die Hühner ihrer Tante füttern und hatte vergessen, die Stalltür zuzumachen. Der Fuchs. Wir blieben mit einem halbgekochten Curry zurück; Robert, Helene und ich.

Auffordernder Blick von Helene. „Wollen wir jetzt fertigkochen?“

Ich: „Wo ist denn das Rezept?“

Sie lachte zum ersten Mal an diesem Abend. Laut und lebendig. Robert schien die Küche noch nie betreten zu haben. Helene und ich durchsuchten die Schränke auf der Suche nach… ja, nach was eigentlich? Egal, Helene wusste, wonach. Dieser lächerliche Moment, als wir realisierten, dass alle Gewürze in identischen Gläsern gelagert waren! Unbeschriftet. Womöglich selbst getrocknet. Gefährlich.

Regal mit Gläsern

Ich tat – nichts. Oder doch: Ich überlegte, was zu tun sei. Diese fremde chaotische Küche war Meilenweit entfernt von meiner Komfortzone. Aber Helene, oh, Helene! Plötzlich energiegeladen öffnete sie Glas um Glas, schnupperte, probierte und würzte. Probierte wieder. Riss Schubladen auf, holte noch mehr Zutaten. Ließ alle Gläser offen auf der Arbeitsplatte stehen; das total Chaos! Das Danach war ihr egal. Sie würzte nach, rührte, schnupperte. Versunken und sprühend, wie auf einer Bühne, aber ohne es zu bemerken. Helene beherrschte Raum und Zeit.

Dass ein Mensch im Angesicht unbekannter Faktoren so mutig, nein: so angstfrei sein konnte, wie sie es war! Ich wollte die Zeit anhalten, um mit ihr im Scheinwerferlicht zu tanzen.

Da wusste ich, dass ich mich in sie verliebt hatte.


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ELF. Gift

Der Router hing! Arno Tiedemann hatte eine Nachtschicht eingelegt und, als Helene endlich ins Bett gegangen war, den Keller aufgeräumt. Der Container war halb voll, Arnos Laune blendend.

Heute musste er mit den Konfis reden. Das Stück, das sie ausgesucht hatten, erwies sich als Tanzchoreografie für Dreijährige.

Er arbeitete noch einige Punkte seiner To Do-Liste ab, installierte eine Steuerungs-App und testete die Internetgeschwindigkeit. Dann wandte er seine Gedanken dem Krippenspiel zu. Er verabscheute das Projekt, aber noch mehr hasste er es, unvorbereitet zu sein. Heute musste er mit den Konfis reden. Das Stück, das sie ausgesucht hatten, erwies sich als Tanzchoreografie für Dreijährige. Die Darsteller hopsten, als Schafe verkleidet, um die Krippe und sangen dazu ein Lied mit dem Titel „Mah mah, Jesus ist da!“. Hirten tauchten in dieser Fassung gar nicht auf. Da mussten also noch ein paar Dinge umgeschrieben werden. Seufzend erstellte Arno eine neue To Do Liste.

Um 16.00 Uhr betrat Tiedemann die Grotte unter dem Kirchsaal. Er blieb abrupt vor einem Berg stehen. Die Konfis schauten ihn erwartungsvoll an. „Was ist…?“ – „Kostüme!“ strahlte ein dunkelhaariger Junge mit fettigen Haaren und Akademikerbrille „Das hätten wir erledigt!“. Ein meterhohes Konvolut aus Plastiksäcken, losen Schuhen, gebündelter Bettwäsche und Pfandflaschen türmte sich auf dem staubigen Boden des Gemeindesaals. „Woher habt ihr das?“ Die Jungen warfen sich einen Blick zu. Auch sie sahen müde aus, bemerkte Arno. „Das wollen Sie nicht wissen,“ meinte schließlich der Zahnspangenträger wohlwollend.

„Doch.“

Der Brillenträger druckste. Offensichtlich war dies seine Idee gewesen. „Gegenüber von unserer Schule steht so ein Sammelcontainer. Für Altkleider. Das funktioniert astrein als Verkleidung!“ „Ihr habt den Container aufgebrochen? Das ist Diebstahl“. „Quatsch. Die Leute wollen die Sachen nicht mehr!“ verteidigte sich der Brillenträger. „Außerdem,“ unterstützte die Skatermütze, „wird das Zeug zu 80 Prozent nach Afrika geschickt und landet im Meer und dann ersticken Delfine daran!“ „Trotzdem. Bringt das bitte zurück.“

Herr Tiedemann hob einen Sack auf und drückte ihn dem Zahnspangenträger in die Hand. Durch das hellblaue Plastik erahnte er einen Bettbezug mit Kükenmuster. Er nahm den Sack wieder an sich, riss ihn mechanisch auf. Eine Indianer-Verkleidung in Hellbraun, mit bunten Filz-Fransen an Armen und Beinen, fiel ihm entgegen. Die Konfirmanden warten. Arno stand ganz still. „Das kann einfach nicht sein.“ Alles war wieder da.


Es war eine Nacht Ende Dezember gewesen. Kalter Nieselregen, der schmierig auf den Straßen überfror. Das Zeug musste weg. Arno war von Zimmer zu Zimmer gehetzt, hatte Müllsäcke gefüllt, Schränke ausgeräumt. Er schwitzte, es musste jetzt sein. Alles weg. Helene schlief, endlich.

Arno warf die Säcke in den Toyota. Vorne an der Ecke wurde der alte Kindergarten abgerissen. Asbest. Die Container für giftigen Bauschutt waren genau das, was Arno brauchte. Er ließ den Motor laufen, denn er wollte Helene nicht länger allein lassen, als unbedingt nötig. Im gelblichen Licht der Straßenlampe schleuderte Arno einen Beutel nach dem anderen in den Schlund des Containers. Giftmüll. Es war ein glanz- und tränenloser Abschied gewesen, in dieser Nacht.

Die Container für giftigen Bauschutt waren genau das, was Arno brauchte.

Arno Tiedemann knallte den Kofferraumdeckel zu und raste zurück. Um ein Haar hätte er einen Obdachlosen gestreift, der die Abfalleimer durchsuchte. Er hatte sich nicht umgedreht. Bis jetzt.