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Gemischte Buchstaben Schrott & Wunder

SECHZEHN. Das Plus

„Ich gehe da nicht hin.“ „Wieso nicht?“ „Weil ich kein Türschild töpfern möchte.“ „Kannst ja auch was anderes machen.“ „Ich möchte grundsätzlich nicht töpfern.“ „Ich habe aber schon bezahlt.“ „Dann nimm’ jemand anderen mit.“ „Will ich aber nicht.“


Angewidert starrte Arno auf den schmierigen Klumpen Ton vor sich. Vorsichtig bohrte er einen Finger hinein und versuchte dann schnell, das Loch wieder zu verschließen. Helene erging es nicht besser, wie er befriedigt feststellte.

Die Töpferlehrerin in Form von Astrid Schäufele schwebte heran. „Familie Tiedemann! Ich find’s toll, dass ihr mitmacht, so einträchtig. Schön, dass ihr eure Konflikte beilegen konntet… Die Gewaltfreie Kommunikation rettet sogar die kaputtesten Ehen, gell?!“ Dass es im Allgemeinen kein gutes Zeichen ist, wenn jeder Ehepartner sein eigenes Türschild töpfert, schien der Pastorin nicht aufzufallen. Auch die giftigen Blicke, die sich Arno und Helene von Zeit zu Zeit zuwarfen, ignorierte sie beharrlich.

Arno drückte seinen Tonklumpen flach und kritzelte „TIEDEMANN“ hinein. Es sah aus, als hätte er einen Kuhfladen signiert. „Fertig.“ Astrid kam angeschossen und lobte Arnos Werk überschwänglich.

„Verlogenes Biest“, zischte Arno, als sie wieder außer Reichweite war. „Arno!“ „Ist doch wahr. Die ist einfach nur froh, wenn wir hier weg sind und sie das Geld einstreichen kann.“ „Das ist für die Kirche!“, fauchte Helene und drosch auf ihren Ton ein. „Das glaubst du doch selbst nicht!“ Arno lachte böse. „Weißt du noch damals, als Thorsten die Kerzen auf seinem Geburtstagskuchen nicht auspusten wollte und stattdessen die Luftschlangen in Brand gesetzt hat?“ Helene erinnerte sich. Der Tisch war ruiniert und sie hatten neu tapezieren müssen. „Brauchten wir da auch 45.000 Euro?“ „Nein, das hat doch die Versicherung bezahlt.“ Helene stockte. Konnte es sein, dass Astrid die Gemeinde derartig über den Tisch zog? Warum? Oder wofür? Versunken starrte sie auf ihre Tonscheibe, in die sie mit Buchstaben-Stempeln eingeprägt hatte: „HIER WOHNEN: ARNO, HELENE“. Sie starrte auf ihr Werk. Es war falsch. Sie konnte nicht „Tiedemann“ drunter schreiben. Und sie konnte auch nicht „und Thorsten“ ergänzen, denn er wohnte nicht „HIER“. Helene saß ganz still. Ihre Ohren verfärbten sich zu einem kräftigen Pink. Arno sah sie, verstand. Dann zupfte er zwei Tonstücke aus seinem eigenen Türschild, rollte sie zu Stäbchen und legte sie kreuzförmig übereinander. Behutsam rieb er das Komma zwischen „Arno“ und „Helene“ weg und legte sein kleines „+“ auf die Leerstelle. Er nahm Helenes Hand. „Komm. Wir gehen.“


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FÜNFZEHN. Fortschritte

Noch neun Tage bis Weihnachten! Und noch 29 To Dos waren laut Arnos Liste zu erledigen, bevor das Weihnachtsstück vorzeigbar war. Zwei Konfirmanden hatten Dialoge erstellt und ihr Ergebnis per What’s App an die Schauspieler geschickt. Dabei hatten sie offensichtlich hemmungslos von einem anderen, etwas älteren Stück abgeschrieben. „Oh welche Gnade, er hat dich auserkoren, durch meine Maria wird der Retter geboren! Doch lieget vor uns eine Reise gar schwere, ich wünschte, dass sie alsbald zu Ende wäre!“, rezitierte der Türke mit seiner vollen Singstimme und schmachtendem Blick zu seiner imaginären Verlobten. Der Junge mit der Akne antwortete, den Blick starr aufs Handy gerichtet und ohne jegliche Betonung: „Wenn wir kein Quartier hier finden, so muss ich fürwahr auf der Straße entbinden. Wir haben gar nichts falsch gemacht und haben dennoch kein Bett für die Nacht.“ Das Lied „Mah, mah, Jesus ist da“ wollten die Jungs rappen, trauten sich aber bislang nicht, ihre Version vorzutragen.

Herr Tiedemann schaute streng in die Runde. „Es wäre wirklich gut, wenn ihr euren Text auswendig könntet. Und du, könntest du mir die Dialoge vielleicht ausdrucken?“ Der Konfirmand mit dem Energydrink starrte Arno an, als hätte dieser verlangt, auf den Mars gebeamt zu werden.

Der Konfirmand mit dem Energydrink starrte Arno an, als hätte dieser verlangt, auf den Mars gebeamt zu werden.

„Wer war nochmal für die Requisiten zuständig?“ Zwei Jungen meldeten sich. „Gut, wie ist der Stand?“ „Nicht so gut.“ „Na, dann überlegt euch bitte bis zur nächsten Probe, was man braucht, um ein Baby im Stall zu versorgen. Und besorgt es!“ Die beiden warfen sich verzweifelte Blicke zu. Arno kam langsam in seiner Rolle als Regisseur an. „Wo sind denn die Mädchen?“ wetterte er. Vor allem Charlotte müsste mal zur Probe kommen, wenn sie die Maria spielen will!“ Die Jungen grinsten verlegen. „Charlotte ist auf Klo“, sagte die Zahnspange.

„Wer war nochmal für die Requisiten zuständig?“ Zwei Jungen meldeten sich. „Gut, wie ist der Stand?“ „Nicht so gut.“

Normalerweise verließ Herr Tiedemann den finsteren Saal genauso fluchtartig wie die Konfirmanden. Doch heute wartete er noch einen Moment. Charlotte musste da sein. Schließlich fasste er sich ein Herz und ging zur Toilette. Er klopfte und lauschte. „Charlotte?“ Von drinnen war ein leises Glucksen zu hören. „Charlotte, bitte komm‘ doch mal raus. Ich möchte gerne mit dir über das Weihnachtsstück sprechen!“ Stille. Arno setzte sich auf den Boden. „Ich kann verstehen, dass du nicht auf dieser Bühne stehen möchtest. Ich fühle mich damit auch total überfordert.“ Hatte er das wirklich gesagt? Hatte er das je zu jemandem gesagt? Hinter der Tür hörte er leise Wasser rauschen. „Aber die Schwäbin, eh, die Pastorin… naja, sie hat halt keinen anderen für das Stück. Nur uns. Und Weihnachten ohne Krippenspiel, ohne Botschaft – das wäre ja auch trostlos. Darum bitte ich dich einfach um Unterstützung. Dich, und die anderen Konfirmanden. Wir werden das schon gemeinsam hinkriegen, was meinst du?“

Ermutigt von seinen eigenen Worten öffnete Arno die Tür einen Spalt. Die Toilettenkabine war leer, eine defekte Spülung erwies sich als Quelle des Rauschens. Arno trat ein und ruckelte an der Spültaste. Und dann sah er sie. Charlottes braune Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Sie trug einen Schlüpfer aus Leopardenstoff, der kaum das Nötigste bedeckte. „Charlotte Schleck, Pin-Up-Girl des Jahres 2020“. „Diese verdammten, hinterhältigen…“ Arno glotzte fassungslos auf das Poster. Dann verließ er schnell die Toilette. Auf keinen Fall wollte er hier von der Vampirin erwischt werden.


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VIERZEHN. Ordnung

Endlich. Arno war weg und sie konnte sich ihrem Adventsprojekt widmen. Aus Moosgummi, ausgemusterten Porzellantassen, Rindenstücken und alten Buchseiten würde sie Vintage-Kerzenhalter basteln. Das hatte Helene auf Pinterest gesehen. Mit einem Pott Kaffee in der Hand betrat sie ihr Arbeitszimmer. Der neue Router blinkte sie bedrohlich an. Helene Tiedemann bemerkte sofort, dass etwas fehlte. Große Lücken klafften in ihrem Archiv. Mit Herzklopfen und zittrigen Händen zerrte sie die alte Anrichte vor und entdeckte die Katastrophe. Es war alles weg.

Helene rannte nach draußen, durchsuchte Container, fand nichts. Wie konnte er nur? Der Schmerz über den Verrat loderte in ihrer Kehle, sie konnte kaum atmen. Wie sie ihn hasste!

Wie konnte er nur? Der Schmerz über den Verrat loderte in ihrer Kehle, sie konnte kaum atmen. Wie sie ihn hasste!

Helene stürmte weiter: in Arnos Büro. Sie würde ihn mit diesem Sieg nicht davon kommen lassen! Helene riss das Fenster auf, erblickte den Container im Abgrund und wusste, was zu tun war. Systematisch nahm sie jeden dritten Aktenordner aus dem Regal und schleuderte ihn in das Metallmaul. Für die Steuerordner machte sie eine Ausnahme: Die warf sie alle weg. 1981-2021. Jede zweite Schublade entleerte sie in den Abgrund, ohne sich besser zu fühlen. Sein verdammter Computer, das Etikettiergerät und der Handstaubsauger zerbarsten beim Aufprall im Container. Der Drucker war ihr zu schwer, dafür bräuchte sie Hilfe.

Über dem Schreibtisch hingen wenige Bilder. Arno und sein einziger Freund, der schwule Steuerfahndungs-Manfred, hielten stolz ihre Teilnehmermedaillen von Firmenlauf in die Kamera. Weg. Ein Foto von Arnos Mutter in besseren Jahren. Weg. Arno mit Zwergkaninchen: Weg. Beim letzten Bild hielt sie inne. Eine wilde Helene lachte ihr ins Gesicht. Hochschwanger, mit Schneeball in der Hand, bereit zum Angriff. Arno hatte zurück gelacht, als er das Foto gemacht hatte. Und dann Nasenbluten bekommen, als der Schneeball ihn mit voller Wucht im Gesicht traf. Helenes Wut versickerte. Sie wünschte, er wäre da.