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SIEBEN. Astrid

Zwei Umschläge lagen auf dem Tisch. Der eine war an den Ecken geknickt und trug Helenes kalligraphische Schnörkel. Der andere war bedruckt. Astrid las den Absender und schob den Brief rasch in ihre Mappe. Nicht jetzt. Was hatten die Tiedemanns genommen? Astrid riss den Umschlag auf und öffnete eine Excel-Tabelle auf ihrem Laptop. Sie übertrug die Werte, holte den Taschenrechner und nickte zufrieden. Die Richtung stimmte.

Astrid Schäufele kam aus Bissingen, „der“, wie sie im Kirchencafé gern lachend zu sagen pflegte, „besseren Hälfte von Bietigheim im schönen Ländle“. Dass aus Schwaben war, hätte sie nicht dazu sagen müssen. Ihr Dialekt verriet mehr als tausend Atlanten – ihre Sparsamkeit auch.

Tatsächlich tat die exotische Schwäbin in ihren abgelatschten Stiefeletten der Gemeinde gut. Gemäß ihres Mottos „Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es“, hatte sie die Gemeinde langsam und beharrlich in Bewegung versetzt. Um die Senioren zu beschäftigen, veranstaltete sie beinahe wöchentlich Benefizveranstaltungen. Für die Flüchtlinge. Für den Kinderchor. Für den Kleintierzuchtverein. Sogar den Kicker der Jugend hatte sie zugunsten der Seenotrettung versteigert. Als die Kantoren-Stelle nicht mehr finanziert werden konnte, übernahm Astrid den Chor und sang dabei so laut mit, dass sie sämtliche Querschläger übertönte. Den Traurigen hörte sie zu, die Depressiven munterte sie auf und aufmüpfige Konfirmanden schüchterte sie erbarmungslos ein.

Den Traurigen hörte sie zu, die Depressiven munterte sie auf und aufmüpfige Konfirmanden schüchterte sie erbarmungslos ein.

Die Gerüchteküche hatte natürlich geschäumt, als die breitschultrige Blondine vor drei Jahren die Pfarrstelle in Gifhorn übernommen hatte. Dass sie eine passabel bezahlte Position in der württembergischen Kirche gekündigt hatte, um sich einer „neuen beruflichen Herausforderung in einem vielfältigen, dynamischen sozio-kulturellen Umfeld“ zu stellen ( – so stand es im Gemeindebrief – ), glaubte niemand. Die Kirche war zugig, die Gemeinde so sprudelnd wie ein Schluck Morgenurin. Gifhorn war… Gifhorn. Hildegard Lükers glaubte zu wissen, dass eine romantische Verbindung Astrid ins niedersächsische Nirgendwo geführt haben musste. („Sowas vermag nur die Liebe zu vollbringen“). Andere sprachen von einer Strafversetzung. Vielleicht hatte sie vegane Maultaschen serviert? Dustin Schneider, der 13-jährige und damit jüngste Sohn der Gemeindesekretärin, berichtete, Astrid sei „in ihrem Land“ straffällig geworden und habe untertauchen müssen. Mit dieser These hatte er bei Weitem die meisten Anhänger. Denn wo konnte man besser untertauchen als in Gifhorn? Wer hier verschwand, war… weg.

Nicht weg war der Brief der Staatsanwaltschaft Stuttgart, der tonnenschwer in Astrids Schreibmappe lag.


Letztes Kapitel: Anfänger.


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SECHS. Anfänger

Sobald Helene am nächsten morgen mit dem Rad zum Einkaufen gefahren war, zog Arno seine Arbeitshandschuhe an und begab sich in den Keller. Er würde mit den Altkleidern beginnen, die Helene hinter einer klapprigen Küchenanrichte bunkerte. Arno griff nach der ersten Tüte. Das Plastik war uralt, ausgeblichen und beinahe spröde unter seinen Händen. Vorsichtig öffnete er den Sack und sondierte. Eine sehr weite, türkise Damenlatzhose fiel ihm in die Hände. Hatte Helene sie je getragen? Als nächstes sah er einen Bettbezug mit Küken. „Wie kommt sie an…?“

Stapel mit Kleidern

Arno zupfte an der Unterlippe. Das alles musste weg, daran bestand kein Zweifel. Arno nahm so viele Tüten er tragen konnte, stopfte sie in einen Einkaufstrolley und zerrte diesen zum nächstgelegenen Altkleidercontainer. 700 Meter, direkt gegenüber vom Gymnasium. Das ging. Auf dem Rückweg begegnete ihm Helene. Sie hatte sich sichtbar beeilt. „Wo warst du denn?“ fragte sie ihn misstrauisch und schielte in den leeren Trolley. Arno hielt es für besser, ihr nicht von seinem Ausflug in den Keller zu berichten. „Laufen. Hast du alles gekriegt?“ Helene schaute ihn verärgert an. Er war ein grauenhafter Lügner. „Um 12 gibt es Essen. Milchreis.“

Punkt 16.00 Uhr, und nicht eine Sekunde früher, trat Arno Tiedemann in den Schlund der Hölle. Der düstere Gemeindesaal im Untergeschoss der noch düstereren Kirche war ungeheizt und provisorisch beleuchtet. Fünf frierende Gestalten saßen auf umgedrehten Cola-Kisten und blickten ihm beunruhigt entgegen.

„Hallo,“ sagte Herr Tiedemann. „Halloo“.

„Ja, dann wollen wir mal.“ Die Konfirmanden erwarteten Schlimmes. Zu Recht, glaubte Arno. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Vielleicht zuerst ein Kennenlern-Spiel? Das hatte er bei einer Fortbildung so erlebt. Leider erinnerte er sich nicht an das Spiel, er hatte sich unwohl damit gefühlt und war auf die Toilette gegangen.

„Ich bin der Herr Tiedemann. Ich bin 65 Jahre alt und wohne in Gifhorn.“ Beeindruckend. Die Jungs standen ermutigt auf, da ihre Vorstellung kaum peinlicher ausfallen konnte. „Murat.“ „Max“. „Karl-Konstantin.“ „Dustin.“ „Tobin.“ Alle waren erleichtert, die Vorstellungsrunde beendet zu haben. Herr Tiedemann hatte vor Aufregung verpasst, sich die Namen zu merken.

„Ja gut. Gehören zur Gruppe keine Mädchen?“ „Die sind auf Klo!“ wusste Dustin zu berichten. Ein schlacksiger Junge mit Zahnspange meldete sich: „Sind Sie Regisseur?“ Arno lachte entgeistert auf. „Ich bin Finanzbeamter!“ Um das nachfolgende Schweigen zu füllen, führte Herr Tiedemann aus: „Also, wenn eure Eltern ihre Steuererklärung wegschicken, dann kommt die zu uns. Und wir prüfen die und suchen nach Ungereimtheiten. Und wenn eure Eltern gelogen haben und zum Beispiel Einnahmen unterschlagen haben, dann kriegen wir das raus. Dann kommen unsere Außendienstler und machen eine Steuerfahndung. Und dann kommen eure Eltern ins Gefängnis. Zum Beispiel.“

Die Gruppe schaute ihn ausdruckslos an. „Das ist eine stark vereinfachte Darstellung, würde ich sagen“, meinte ein Junge mit feuriger Akne im Gesicht und einem Energy-Drink in der Hand. (Max? Karl-Konstantin?) „Wie wollen sie das Weihnachtsstück inszenieren, wenn sie offensichtlich keine Erfahrung haben?“ Das besorgte Gesicht mit Bartflaum musste zu Murat gehören. Guter Punkt. „Wir erarbeiten das gemeinsam. Was brauchen wir? Ich schreibe eine Liste.“ „Ein Stück. Schauspieler. Requisiten. Bühnenbild. Licht…“ zählte der Bartflaum auf. „Sehr gut!“ rief Tiedemann. Du und du, ihr besorgt ein Stück. („Hä?“). Du und du, ihr organisiert Requisiten. Die Mädchen machen das Bühnenbild und das Licht. Entgeisterte Stille.

Alle waren erleichtert, die Vorstellungsrunde beendet zu haben. Herr Tiedemann hatte vor Aufregung verpasst, sich die Namen zu merken.

„Und was machen Sie?“ Arno überlegte. „Ich mache den Rest.“


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FÜNF. Der Überfall.

Sonntagmorgen, 11.05 Uhr. Herr und Frau Tiedemann standen vor der Kirche. Sie waren ewig nicht gemeinsam hier gewesen. Bei Thorstens Konfirmation? Arno wollte weg. Seine Beerdigungsschuhe drückten, er fror in seinem guten Anzug. Voller Grauen dachte er an den 15-Minütigen Fußmarsch nach Hause. Helene, in einen voluminösen gelben Mantel gewickelt, plauderte mit pinken Wangen. Manchmal erinnerte sie Arno an einen farbwechselnden Tintenfisch, der sich mit seinen saugnapfbesetzten Tentakeln an jedem verfügbaren Hindernis festzuhalten vermochte. In diesem Falle an Hildegard Lükers, die verschwörerisch zum verkohlten Technikraum blickte und Helene etwas von Brandstiftung zuraunte. „Wollen wir?“ fragte er.

Da fiel ein schwarzer Schatten auf Arno. Bevor er auch nur an Flucht denken konnte, hatte sie ihn in die Ecke gedrängt. Eine Pranke mit rotlackierten Nägeln umkrallte seine Hand. Verdammt. Die Schwäbin. Hatte sie herausgefunden, dass er nur 10 Cent in die Kollekte geworfen hatte? Wollte sie ihn zwingen, nächste Woche wieder zu kommen?

„HERR TIEDEMANN!“ Alle Gespräche verstummten. „Das ist ja einfach klasse! Prima! Ich wollte mich einfach ganz herzlich bei Ihnen für Ihr Engagement bedanken!“ „Oh“, machte Arno leise. Er ahnte Schreckliches. Wo war Helene? Die Schwäbin schüttelte immer noch seinen Arm und musterte ihn mit einem besitzergreifenden Blick. Sie hatte wirklich einen ausgeprägten Überbiss, fiel Arno auf.

„Also ich find‘ des ja einfach spitze, dass Sie in diesem Jahr das Krippenspiel machen wollen. Drehbuch und Regie und alles! Ich wusste gar nicht, dass Sie sich für Theater interessieren, aber Helene hat mir alles erzählt. Super!!!“ Raunen aus der umstehenden Kirchengemeinde, jemand klatschte unbeholfen zweimal und hörte peinlich beschämt sofort wieder auf.

„Oh“, machte Arno leise. Er ahnte Schreckliches. Wo war Helene?

Dies war der Moment, an dem Arno widersprechen musste. Er wusste das. Er holte Luft. Zu spät. „Jaja! Sie haben natürlich meine uneingeschränkte Unterstützung und komplette künstlerische Freiheit!“. Sie packte ihn am Ellenbogen und zog ihn Richtung Kirchenportal. „Helene hat schon erzählt, dass Sie am liebsten frei improvisieren. Da hab‘ ich auch gleich einen kleinen Überfall auf Sie vor!“ Sie wieherte so laut auf, dass Arno zusammenzuckte. Wie viel schlimmer konnte es werden? „Wegen Corona können wir’s in diesem Jahr ja nicht mit den Kindern machen.“ Gott sei Dank. Wenigstens keine Kinder. „Aber… meine Konfis sind alle geimpft! Das ist eine topfitte Truppe, ganz engagiert, genau wie Sie! Die erste Probe konnte ich für morgen arrangieren, alles wie gewünscht!“ Sie lachte ein weiteres, furchterregendes Geierlachen und stürzte sich zurück in die braungrau bemäntelte Menschenmenge.